Über dem Tisch hängt eine Rattanlampe. Hier und da stehen Schalen mit Muscheln, dort ein freundlicher Buddha. Josephine Gähwiler lacht. «Unsere Freunde finden, man fühle sich bei uns wie in einem Strandhaus.» Sie sei halt ein «Meereskind». Doch dass sie das Meer liebt, zeigt sich nicht nur in ihrer Wohnung in Erlenbach. Auch ihre Geschichte mit dem Krebs beginnt an einem Strand. Oder ihre Geschichten. Denn eigentlich sind es zwei.
Malediven, 2017. Hier nimmt die zweite ihren Anfang. Josephine, damals dreissig, Eventmanagerin, verlobt, verbringt Ferien mit ihrem Freund. «Wunderschön » sei es gewesen, auch wenn es viel gestürmt habe. Doch dann, wie ein Vorbote eines anderen Sturms, ist da ein Knoten in ihrer Brust, nur halb verdeckt vom Bikini. Ihr Freund, ein Arzt, sieht ihn zuerst und macht sich Sorgen. Und sie? Panik habe sie keine verspürt. Aber als sie auf dem Rückflug einen Film über eine krebskranke Frau schaut, spürt sie: «Daheim kommt etwas auf mich zu.»
«Mein Vertrauen, dass es gut kommt, war immer stark»
Grosses Glück im Unglück
Vorahnung? Vielleicht. Oder ein Echo früherer Erfahrung. Denn da ist auch die erste Geschichte. Zwei Jahre zuvor, 2015: Eben war Josephine vom Surfen in Indonesien zurückgekommen. Und schon damals war es ihr Freund und heutiger Mann, der es sah: das Muttermal an ihrem Nacken. «Er ist mein Schutzengel», sagt sie heute. Denn im Unglück hatte sie grosses Glück: Es war schwarzer Hautkrebs, bösartig. Aber er hatte noch nicht gestreut, so reichte es, ihn grossflächig zu entfernen, samt mehreren Lymphknoten am Hals.
Erst als sie nach der Operation heimkam, begriff sie: Es hätte auch anders ausgehen können. Noch fühlte sie sich schwach, rang schnell nach Luft. Doch bald ging sie joggen, kraulen, ins Yoga und mit Verband am Hals auf Jobsuche – ihre vorherige Stelle hatte sie vor der Indonesien-Reise gekündigt. Schnell fand sie so zur alten Kraft und einen neuen Job, arbeitete wieder, reiste, verlobte sich.
«Es wird mich wieder treffen»
Doch nun also, zwei Jahre später, sitzt sie im Flugzeug von den Malediven nach Hause und ahnt: Es wird mich wieder treffen. Daheim ordnet ihre Ärztin eine Gewebeprobe an. Tags darauf, als sie in Zürich unterwegs ist, erreicht sie der Anruf, den sie nur noch als Bestätigung erwartet hat. Sie fährt heim, während sich über der Stadt ein gewaltiges Gewitter entlädt. «Es war, als würde das Wetter meine Verfassung spiegeln.» Diese Diagnose, Brustkrebs, sei viel einschneidender gewesen als jene zwei Jahre zuvor. Und zum zweiten Mal zu hören, man habe Krebs: «Da fühlt man sich schon wie im falschen Film.»
Daheim redet sie lang mit ihrem Freund. Den nächsten Morgen verbringt sie weinend im Bett. Und dann sei es losgegangen: erst Antihormonmedikamente, um das Krebswachstum einzudämmen, dann brusterhaltende Tumorentfernung, anschliessend Chemotherapie, 32 Bestrahlungstermine, Antihormontherapie (AHT) und eine weitere Brust- OP. Einen «Rattenschwanz» nennt sie es.
«Mitgehen», nicht dagegen ankämpfen
«Mitgehen» mit all dem, nicht dagegen ankämpfen. Dies zu lernen, habe ihr geholfen. Lachend und weinend rasierte sie all ihre Haare, als sie ausfielen. Doch «mitgehen», weiterhin, wollte sie auch mit dem Leben. An der Hochzeit ein Jahr nach der Diagnose hielt das Paar fest. Schon kurz nach der Tumor-OP probierte Josephine Brautkleider an, obwohl sie rechts noch kaum den Arm heben konnte.
Und dann war da der Wunsch nach einem Kind: In ärztlicher Absprache kann sie die auf fünf Jahre ausgelegte AHT nach einiger Zeit unterbrechen und wird schwanger. Als ihr Sohn zur Welt kommt, stillt sie ihn ein Jahr lang einseitig mit der gesunden Brust – und muss die Therapie danach fortsetzen.
Sie will alles verstehen, medizinisch, und weiss: Ihre Prognose ist gut. Doch die Nebenwirkungen treffen sie hart. «Man denkt oft, Chemo sei das Schlimmste. Aber die AHT war endlos.» Schlagartig versetze sie einen in die Wechseljahre, mit allem, was dazugehöre. So löste eines der Medikamente so starke Gelenkschmerzen aus, dass sie kaum mehr gehen konnte. Ein anderes führte zu Depressionen. Auch der kombinierte Schlafmangel der Therapie und des Mutterwerdens sei katastrophal gewesen.
Yogamatte als Zufluchtsort
Mitgehen, nicht dagegen ankämpfen, es blieb ihr Mantra. Zum Zufluchtsort wurde ihr die Yogamatte. Auch wenn Yoga schon länger zu ihrem Leben gehörte, erhielt es nun eine neue Bedeutung. «Ein Angebot, das sich gezielt an Brustkrebspatientinnen richtete, gab mir Raum für mich und half mir, mit den Nebenwirkungen umzugehen.» Nach den Stunden habe sie sich gefühlt, wie neu ausgerichtet.
Endlich – wegen der Nebenwirkungen ein halbes Jahr früher als geplant – entschied ihr Onkologe, man könne es gut sein lassen mit der Therapie. Drei Jahre ist das her. Inzwischen geht ihr kleiner Sohn in den Kindergarten. Und sie, nun seit Längerem krebsfrei, gibt heute selbst Yoga, unter anderem für Krebsbetroffene. Längst hat sie ihren stärker werdenden Wunsch nach einer Yoga-Teacher-Ausbildung verwirklicht und ihr kleines Unternehmen joga wellbeing gegründet. «Ich möchte weitergeben, was für mich so wertvoll war.»
Zeit für Zuversicht und Zukunftspläne? Sie lacht. Einmal am Meer zu leben, fände sie wunderbar. Aber ja, der Zürichsee, der ennet der Strasse in der Sonne glänzt, sei auch schön. «Wer weiss, was die Zukunft bringt?» Doch Zuversicht, so ein Vertrauen, dass es gut komme: «Das war immer stark. Und ist es weiterhin.»