Eine Katze liegt auf der Sofalehne. Über die Wohnzimmerwand rankt sich sattgrün eine Pflanze. Elena Retica kommt mit Kaffee und setzt sich. «Ich liebe Zimmerpflanzen», sagt sie und zeigt auf die Ranken über sich, dann auf den raumhohen Philodendron vis-à-vis. «Das ist José.» José Bueno heisse die Sorte. Daneben steht eine Monstera. Und insgesamt? «Etwa zwanzig Pflanzen sind es schon.»

Die schlummernde Katze, das viele Grün: Der Raum strahlt Ruhe aus. Auch Elena Retica, mittendrin, wirkt entspannt. Ihr Blick allerdings ist hellwach und wenn sie spricht, sprudeln die Worte: «In meinem Kopf herrscht einfach immer Chaos.» Konstant jagten sich ihre Gedanken, erklärt sie. Einfach mal «sein» oder sonntags länger liegen bleiben? «Das schaffe ich nicht. Kaum bin ich wach, rattert es los.»

ADHS-Symptome: Mehr als Zappeligkeit

Schon früh hatte die 44-Jährige das Gefühl: So wie mir geht es nicht allen. Aber erst seit einem Jahr weiss sie, dass sie ADHS hat – eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Schätzungen zufolge ist sie damit eine von etwa 200'000 Personen in der Schweiz. Fachleute gehen davon aus, dass ihr Gehirn bestimmte Botenstoffe anders reguliert als jenes von nicht Betroffenen. Das führt dazu, dass sie leichter ablenkbar sind, teils impulsiv, dass sie Dinge vergessen oder unruhig wirken. Andere haben, wie Elena, ein intensives Kopfkarussell. 

«Viele verstehen unter ADHS einfach Zappeligkeit», sagt sie. Doch die Symptome seien vielfältiger. Gerade bei Mädchen und Frauen zeige sich die Unruhe oft anders, mehr nach innen gerichtet. «Auch deshalb wird es bei ihnen manchmal nicht oder erst spät erkannt.» Während Elena spricht, knetet sie mit den Fingern ein Plastikspielzeug, ein «Fidget Toy». «Ich reguliere mich damit, wenn ich länger sitze.» Diese Zappeligkeit, sie spüre sie eher im Kopf. Auch reagiere sie sensibel auf Lärm, Gerüche, sonstige Reize. «Grelles Licht etwa macht mich ganz ‘gaga’.» Als ehemalige medizinische Praxisassistentin sei es ihr zudem immer so schwer gefallen, sich auf einen Patienten zu konzentrieren, wenn rundherum Hektik war.

Der Aha-Moment: Wenn die Diagnose des Kindes zur Selbsterkenntnis führt

Doch darauf, dass sie ADHS haben könnte, wäre sie nie gekommen. Selbst dann nicht, als ihr heute zehnjähriger Sohn vor ein paar Jahren die Diagnose erhielt. Wie sie danach das Gefühl hatte, völlig auf sich gestellt zu sein: Das weiss sie noch gut. Also begann sie, Wissen «aufzusaugen» wie ein Schwamm. Und weil es in ihrer Nähe keine Gesprächsgruppe für Eltern betroffener Kinder gab, gründete sie kurzerhand selbst eine. Je mehr sie so über ADHS lernte, umso häufiger tauchte der Gedanke auf: Das trifft doch auch auf mich zu! 

«Die Diagnose war wie ein später Aha-Moment.»
Elena Retica

Plötzlich nahm sie vieles bewusster wahr: nicht nur ihre Unruhe und Reizempfindlichkeit, auch wie sehr sie zu Prokrastination neigt (Aufschieben bei ungeliebten Aufgaben). Dass sie in Gesprächen oft viel von sich preisgibt. Wie erschöpft sie sich nach sozialen Anlässen fühlt. «Alles Dinge, die bei ADHS-Betroffenen häufiger vorkommen können.» Wie ein später Aha-Moment sei es gewesen, als sie dann die Diagnose bekam. Diese habe plötzlich so vieles erklärt. Nicht zuletzt, weshalb sie früher jahrelang gegen den Zwang gekämpft hatte, extrem kontrolliert zu essen. «Man weiss, dass Menschen mit ADHS vermehrt Essstörungen haben können, genau wie weitere psychische Probleme.»

ADHS-Strategien im Alltag: Hilfe durch Fokus-Tools und Struktur

Längst hatte Elena gelernt, zu funktionieren – oder ihr ADHS unbewusst zu überspielen. Seit sie darum weiss, helfen ihr bewusst eingesetzte Strategien. Fidget Toys, aber auch To Do-Listen und Notizbücher, in die sie alle Gedanken aufschreibt, die sonst unablässig in ihrem Kopf kreisen. Mehr Pausen machen. Oder an Parfüms riechen – denn so stark sie unangenehme Gerüche empfindet, so gut tun ihr jene, die sie mag. Auch Medikamente hat sie in ärztlicher Absprache ausprobiert. «Vor allem zu Beginn fühlte ich mich in Gesprächen plötzlich wie in einem Tunnel mit der anderen Person, völlig fokussiert.»

Immer wieder merke sie auch, wie wenig Menschen über ADHS wüssten. Aber auch, wie verletzend etwa der Begriff «Modediagnose» für Betroffene sein könne. «Nicht alle haben gleich ausgeprägte Symptome. Aber es gibt Menschen, etwa Familien mit stark betroffenen Kindern, die sehr damit kämpfen.»

Vom Hyperfokus zur Berufung: Wie Elena heute als ADHS-Coach unterstützt

Als «Superkraft», wie es in sozialen Medien manchmal dargestellt werde, möchte sie es aber genauso wenig verstanden wissen. «Viele Betroffene sind sehr kreativ und begeisterungsfähig. Auch können sie sich stark in etwas vertiefen, so genannt hyperfokussieren.» Und natürlich sei es richtig, sich auf Stärken zu besinnen. Dennoch: «Wenn ich wählen könnte, hätte ich lieber kein ADHS.» 

Ihre Erfahrungen als Betroffene, aber auch als Mutter eines Kindes mit ADHS und, wie sie inzwischen weiss, Autismus, haben ihr Bedürfnis geweckt, anderen zu helfen. So liess sie sich zum ADHS- und Autismus-Coach weiterbilden und berät heute andere Betroffene in ihrem Alltag.

Sich in ein Thema hineinzuknien, alles darüber wissen zu wollen: Das kennt Elena selbst. Vielleicht war das mit ein Grund, der sie ADHS zu ihrem Beruf machen liess. Sicher aber, sagt sie, erkläre es ihre vielen Zimmerpflanzen. Sie zu pflegen und wachsen zu sehen, tue ihr jedoch auch einfach gut. Sie zeigt auf Josés neues Blatt. Da rumort es aus der Küche. Die Katze zerrt wie verrückt an ihrem Futtersack. «Vielleicht hat sie ja auch ADHS», sagt Elena. Sie nimmt ihre Diagnose mit Humor – auch wenn sie sie lieber nicht hätte.