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Erklärungsbedarf bei experimentellen Therapien

Manchmal versagen bewährte Heilmittel im Kampf gegen Krankheiten, oder es gibt gar keine etablierte Therapie. Wenn Ärztinnen und Ärzte mit ihrem Latein am Ende sind, dürfen sie auf experimentelle Behandlungen zurückgreifen. Der Bundesrat ortet dabei Handlungsbedarf.

Im Auftrag des Parlaments hat er die geltenden Bestimmungen zu den so genannten Heilversuchen unter die Lupe genommen. In seinem am Freitag veröffentlichten Bericht kommt er zum Schluss, dass der Schutz der Patientinnen und Patienten und der Zugang zu experimentellen Behandlungen noch verbessert werden kann.

Rechtlich ist das Vorgehen bei experimentellen Behandlungen gemäss dem Bericht ausreichend geregelt. Auch die Patientenrechte sowie die ärztlichen Sorgfaltspflichten seien grundsätzlich unstrittig. So müssen Patientinnen und Patienten etwa über die besonderen Risiken, die unklaren Erfolgsaussichten und über alternative Behandlungsmöglichkeiten aufgeklärt werden.

Bei der Umsetzung hapert es

Bei der Umsetzung sieht der Bundesrat aber Verbesserungsbedarf, insbesondere bei der Aufklärung der Patientinnen und Patienten, bei der Transparenz, dem Erfahrungsaustausch unter den Fachpersonen und dem Zugang zu neuen Behandlungen.

Das betrifft nach Ansicht des Bundesrats in erster Linie die Kantone, die über die Einhaltung von Sorgfaltspflichten wachen müssen. Der Bericht regt unter anderem an, dass der Umgang mit Patientenrückmeldungen und den Hinweisen anerkannter Patientenorganisationen überprüft werden könnte.

Die medizinischen Fachkreise seien gefordert, den Wissensaustausch zu verbessern, insbesondere über negative Erfahrungen, schreibt der Bundesrat. Häufig seien beispielsweise vielversprechende neuartige Behandlungsmethoden nicht bekannt oder die für einen Entscheid notwendigen Informationen unzugänglich.

Auf Bundesebene ist derzeit eine Revision des Heilmittelgesetzes im Gang, mit der unter anderem die Anwendung von Medikamenten, die in der Schweiz noch nicht zugelassen sind, präziser geregelt wird. Dadurch solle ein rascher und unbürokratischer Zugang zu erfolgversprechenden Substanzen gewährleistet werden, ohne dass der Schutz der Patientinnen und Patienten vernachlässigt wird.

Versuche sind nicht Forschung

Der Bundesrat weist in dem Bericht auch darauf hin, dass Heilversuche die Therapie einer Einzelperson zum Ziel haben. Würden sie wiederholt angewendet, sollten sie als Forschungsprojekt nach den Vorschriften des Humanforschungsgesetzes durchgeführt werden.

Er betont auch die Bedeutung der experimentellen Behandlungen. Wichtig sind diese vor allem in Bereichen, in denen es regelmässig an etablierten Therapien fehlt, etwa bei Kindern, älteren Personen sowie Patientinnen und Patienten mit einem Krebsleiden oder einer seltenen Erkrankung.

Der Bericht geht zurück auf eine Motion der Wissenschaftskommission des Nationalrats. Deren Anliegen war es, allfällige Missstände in dem Graubereich zwischen Forschung und Praxis aufzudecken und zu verhindern, dass es zu fragwürdigen Heilversuchen kommt.

Neue Richtlinien verabschiedet

Inzwischen hat die Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) auch Richtlinien zu den Heilversuchen herausgegeben. Grund war die Kritik, dass die fehlende gesetzliche Regelung ehrgeizige Ärzte verleiten könne, an Patienten ohne deren Wissen zu experimentieren. Experimentelle Therapien sind nicht im neuen Humanforschungsgesetz geregelt, da es sich dabei definitionsgemäss nicht um Forschung handelt.

Die SAMW hat mit den Richtlinien eine konkrete Abgrenzung der beiden Bereiche vorgenommen. Diese Handlungsanweisungen sind als Teil der Standesordnung der Ärzteverbindung FMH für alle Ärzte verbindlich. Die Richtlinien legen unter anderem fest, dass die Therapie von einem Expertengremium abgesegnet werden sollte.

Quelle: sda

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